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Im Nest der Heimat

Wieder bin ich in Lammasvara, zum dritten Mal in den letzten drei Sommern, wieder 2000 Kilometer hin und 2000 zurück und wieder bloß für wenige Tage. Wieder betrete ich das Haus der Familie Mo, die mit ihren fünf Kindern für mich Einzelkind einst ein warmes Nest von Spielgefährten war, und wieder sitze ich an jenem Küchentisch, an dem ich schon vor 30 Jahren mit meinem Freund Torgny und dessen Geschwistern heiße Kartoffeln in mehlige Specksoße tunkte und dazu in feuchtes, krustiges Schwarzbrot biss. Darin gleichen sich die Sami wie ein Ei dem anderen: Sie brauchen zu jeder Mahlzeit Brot und können von ihrer Heimat nicht lassen.

Weil auch ich einer von ihnen bin will; ich meine Kindheit im schwedischen Lappland etwas näher beschreiben. Diese Kindheit war die schönste aller schönen Kindheiten. Auch die ruhige Landschaft, in der die Samen leben, ist unbeschreiblich schön: Sümpfe, Seen, Wälder, und kilometerlange Strände. Die Samen haben eine zutiefst ländliche Kultur. Wegen des schlechten Bodens mussten unsere bäuerlichen Vorfahren gleichzeitig auch gute Jäger und Fischer, mussten im Wald ebenso zu Hause sein wie auf dem Wasser. „Wir Samen”, sagte mal ein Journalist in Jukkasjärvi, „sind von langsamer Gangart. Aber wenn wir denn endlich loslegen, ziehen wir jeden Karren aus dem Dreck.” Diese Worte gelten auch mir.

Unsere Sprache haben wir uns bewahrt. Wir haben für die unzähligen Laute und Geräusche in der Natur, die nur das Ohr eines Jägers oder Fischers zu unterscheiden vermag, tausend verschiedene Worte. Sprachlich sind wir die Indianer Europas! In ihrem Miteinander mit der Natur verehrten die alten Samen Geister und Götter, die auch dort vorkamen. Sie nannten sie „Mutter des Windes” oder „Vater des Donners”, und wenn es ihnen notwendig erschien, sprachen sie auch mit Bäumen. Sie hatten für jeden Pfad und jeden Stein einen eigenen Namen. Tiere wurden als fast gleichberechtigte Mitgeschöpfe betrachtet und behandelt. Wenn man sich zu Tisch setzte, bekam der Hofhund den ersten Bissen und wenn sie einen Bären erlegt hatten, baten sie ihn hinterher um Verzeihung.

Damals bestand der kleine schwedische Ort aus 17 Häusern. Lammasvara liegt in einer der schönsten Ecken Schwedens, ganz oben im Norden, in einem Kranz von Wäldern, Wiesen und Feldern. Die Landschaft ist ein ständiges Auf und Ab von Tälern und steilen kleinen Hügeln, zwischen denen verschwiegene Seen in der Sonne blinken. Einspurige Schotterwege führten zu den einzelnen Höfen und in die Kreisstadt Karesuando an der finnischen Grenze. Ein Auto war höchstens zweimal in der Woche zu sehen und das auch nur im Sommer, mit einer dicken Staubfahne im Schlepp. Aber im Winter hielten tiefe Schneewehen die Störenfriede fern. Es war so still in Lammasvara. Die Bahnstation war siebzig Kilometer entfernt. 

Die Schulferien dauerten drei endlos herrliche Monate. Sie bestanden für mich hauptsächlich darin, dass ich fast die gesamten Tage bei Torgny verbrachte. Nachmittags machten wir große Pläne und eine Menge Unsinn und erteilten manchmal dem Hund die Oberaufsicht. Abends schlüpfte ich todmüde zu Vater unter die Decke, der mir noch rasch eine neue und lange Geschichte erzählen musste. Vater und Mutter waren dreisprachig aufgewachsen und von der Abstammung her ein typisches Gewächs dieser Landschaft. Bereits meine Großeltern bildeten ein internationales Quartett; der eine Großvater Schwede, der andere Finne, die eine Großmutter Deutsche, die andere Estin. Doch was wusste ich Knirps damals von der Geschichte der Samivölker?

Den Abend vor der Abreise verbrachte ich mit Torgny und einem weiteren Freund in Siikavuopio. Wir saßen am Küchentisch, aßen lecken Sill und tranken dazu selbst gebrannten Schnaps. Wir redeten laut und wirr durcheinander und machten uns Mut auf ein Wiedersehen im nächsten Sommer.